So viel Platz. Marsoberfläche, fotografiert von Curiosity (Quelle: NASA).

Die grössten Landoberflächen

Angenommen, man hätte einen unzerstörbaren Raumanzug und einen unbegrenzten Nahrungs-, Wasser- und Sauerstoffvorrat: welches sind die grössten zusammenhängenden Landflächen im Sonnensystem, die man so ausgerüstet zu Fuss erkunden könnte? Und wie wenn das jetzt ein Clickbait wäre: Die Antworten sind überraschend! 🙂

Grundsätzlich müsste man ja annehmen, dass die grössten Planeten ganz einfach auch die grössten Oberflächen haben – die Reihenfolge der Oberflächen sollte dann einfach der Reihenfolge der Druchmesser entsprechen. Fall gelöst! Aber so einfach ist es nicht, gerade, wenn man, wie eingangs gefordert, die Erkundung der Landmassen zu Fuss unternehmen möchte. Auf der Erde sind einem da etwa die Ozeane im Weg – und die Gasriesen haben gar keine „Landoberfläche“, da sie keine feste Oberfläche haben. Schauen wir uns das also mal im Detail an!

1. Die Venus
Mit 460 Millionen Quadratkilometern hat die Venus mit Abstand die grösste zusammenhängende Landmasse im Sonnensystem. Sie ist zwar kleiner als die Erde, hat aber im Gegensatz zu dieser keine Ozeane. Die Schweiz hätte auf dieser Fläche über 11’000 Mal Platz, Deutschland knapp 1’300 Mal. Die Venus hat keine sehr ausgeprägte Topografie, sie hat zwei hochgelegenere Regionen, die man als Kontinente durchgehen lassen könnte, Ishtar und Aphrodite Terra, die Höhen von bis zu etwa 10 km über den Tiefebenen erreichen. Ausserdem gibt es viele isolierte Vulkane, seltsame vulkanische Domstrukturen sowie Schluchten zu erkunden. Unglücklicherweise ist die Oberfläche der Venus auch äusserst lebensfeindlich: der Atmosphärendruck (Zusammensetzung: überwiegend CO2 mit ein paar Prozent Stickstoff) beträgt in den Tiefebenen rund 90 bar, bei einer mittleren Temperatur von über 480 °C – Tag und Nacht. Unser Glück, dass wir uns für den unzerstörbaren Raumanzug entschieden haben! Ohne ihr CO2 wäre die Venus kühler, aber immer noch ein trockener Wüstenplanet mit einer mittleren Oberflächentemperatur um die 30°C. Das wenige Wasser in ihrer Atmosphäre reicht höchstens für ein paar grosse Seen.

2. Der Mars
Mit 145 Millionen Quadratkilometern ist die Oberfläche des Mars etwa gleich gross wie die gesammte Landoberfläche der Erde – aber da diese trockenen Fusses nicht vollständig begehbar ist (wir können weder nach Amerika, noch nach Australien oder in die Antarktis spazieren, ohne dass uns irgendwann ein Ozean in die Quere käme), sitzt der Mars hier auf dem zweiten Platz. Gut 3500 Schweizen oder 406 Deutschlande würden auf dieser Fläche Platz finden. Es gibt hier viel zu erkunden: die südlichen Hochländer, die beiden gigantischen Einschlagbecken Argyre und Hellas Planitia, die nördlichen Tiefländer, die Gräben und Flutebenen dazwischen, oder die Vulkane auf dem Tharsis-Buckel. Der Mars hat das umgekehrte Problem der Venus: seine Atmosphäre ist extrem dünn, und da er darüber hinaus auch noch weiter von der Sonne entfernt ist, liegt seine mittlere Oberflächentemperatur bei frostigen -55°C. Hoffen wir, dass im unzerstörbaren Raumanzug auch eine Heizung eingebaut ist! Wie sähe es aus, wenn der Mars auf erdähnliche Temperaturen aufgewärmt würde? Wir wissen es nicht genau – weil wir nicht genau wissen, wie viel Wasser in Form von Untergrundeis es auf dem Mars gibt. Denkbar wäre, dass man damit die Vastitas Borealis, eine Tiefebene im Norden des Planeten, mit Wasser füllen könnte – aber der grosse Abstand zum nächsten Platz auf der Liste lässt vermuten, dass dies an der Reihenfolge nichts ändern würde.

3. Ganymed
Man hätte ja das Gefühl, dass jetzt so langsam irgend eine grosse Landmasse auf der Erde in dieser Liste auftauchen sollte – dem ist aber (noch) nicht so. Die drittgrösste zusammenhängende Landmasse im Sonnensystem ist die Oberfläche des Jupitermond Ganymeds, mit einer Ausdehnung von rund 87 Millionen Quadratkilometern. Ganymed hat keine nennenswerte Atmosphäre, deshalb sind wir auch hier wieder froh um unseren imaginären Raumanzug, der uns glücklicherweise auch von der intensiven Strahlung aus Jupiters Strahlungsgürteln schützt. Die Topografie wäre aber wohl ziemlich langweilig: sie besteht hauptsächlich aus weit ausgedehnten, verkraterten Ebenen aus steinhart geforenem Wassereis. In einigen jüngeren Ebenen gibt es langgezogene Regionen aus zusammengeschobenem, rauhem Eis, als ob hier Kontinentalplatten aus Eis miteinander kollidiert wären. Tief unter der Oberfläche schlummert ein Ozean, der mehr Wasser enthält als alle Ozeane der Erde zusammen. Es dürfte schwierig sein, Ganymed auf lebensfreundliche Temperaturen aufzuheizen (und ihm eine entsprechende Atmosphäre zu verschaffen!), aber wenn uns das eines Tages gelingen würde, würde die Oberfläche schmelzen und bald würde ein globaler, inselfreier Ozean den Gesteinskern des Mondes umspülen – damit wäre Ganymed dann auch von seinem dritten Platz in dieser Liste verdrängt.

4. Eurasien mit Afrika
So – es wird Zeit, den Raumanzug auszuziehen. Auf dem vierten Platz finden wir endlich eine Landmasse auf der Erde. Vom Kap der Guten Hoffnung bis zum Nordkap, von dort bis zur Beringstrasse und wieder bis zur Südspitze von Indien (aber nicht nach Australien) können wir überall hin zu Fuss gehen – deshalb zählen wir hier Eurasien und Afrika (Eurasfrika? Afreurasien?) als eine einzige Landmasse mit 85 Millionen Quadratkilometern Ausdehnung. Die Eurasische und Afrikanische Landmasse ist die Fläche, auf der die Menschheit (die Gattung Homo) die grösste Zeit ihrer Existenz verbracht hat. Erst vor rund 50’000 Jahren setzten die ersten Menschen nach Australien über. Vor nur gerade 13’000 Jahren wanderten die ersten Menschen nach Nordamerika ein. Damals hätten wir übrigens noch einen Platz in dieser Liste hochrücken können: weil der Meeresspiegel während der Eiszeit tiefer lag, verband eine Landbrücke den Nordöstlichen Zipfel Eurasiens mit Nordamerika, womit die drittgrösste, trockenen Fusses begehbare Landoberfläche im Sonnensystem rund 128 Millionen Quadratkilometer umfasste.

Oberflächen von Himmelskörpern im Sonnensystem im Vergleich. Alles echte Bilder (Quelle: NASA/JPL/Mike Malaska).
Oberflächen von Himmelskörpern im Sonnensystem im Vergleich. Alles echte Bilder (Quelle: NASA/JPL/Mike Malaska).

5. Titan
Den druckfesten Raumanzug brauchen wir für die nächste Destination nicht unbedingt – diese Welt hat eine dichte Stickstoffatmosphäre mit 1.5 bar an der Oberfläche – also fast wie auf der Erde! Allerdings ist es mit durchschnittlich -180°C ein kleines bisschen kälter, und Sauerstoff fehlt auch. Willkommen auf dem Saturnmond Titan, der mit einer Fläche von 83 Millionen Quadratkilometern – gut 2000 Mal jene der Schweiz – den Platz 5 in dieser Liste belegt. Titan ist der einzige Mond mit einer nennenswerten Atmosphäre, und der einzige Ort im Sonnensystem (ausser der Erde), wo es offene Gewässer gibt. Diese Gewässer bestehen aber nicht aus Wasser (denn Wassereis ist auf dieser kalten Welt ein Gestein), sondern aus flüssigem Methan und Ethan. Der grösste Teil dieser flüchtigen Stoffe befindet sich normalerweise in der Atmosphäre, wo das UV-Licht der Sonne daraus komplexe organische Verbindungen bastelt. Diese bilden eine globale orange Smogdecke, welche menschlichen Augen die Sicht zur Oberfläche versperrt und dem Mond seine charakteristische orange Farbe verpasst. In regelmässigen Abständen (Jahre? Jahrzehnte? Jahrhunderte?) regnet der grösste Teil des Methans und Ethans ab und bildet reissende Bäche, Flüsse, Ströme, sammelt sich in Seen, die darauf wieder langsam verdampfen. Die Oberfläche Titans sieht jener der Erde deshalb oft erstaunlich ähnlich – wenn es nur nicht so bitter kalt wäre!

6. Merkur
Ok, hat sich hier jemand über die Kälte beschwert? Nächster Stopp ist der Merkur, mit einer Oberfläche von 75 Millionen Quadratkilometern. Hier empfiehlt es sich dringend, den Raumanzug wieder anzuziehen, denn wenn der Merkur je eine Atmosphäre hatte, die Sonne bzw. der Sonnenwind hat sie längst fortgetragen. Dank seinem massiven Eisenkern hat Merkur (trotz kleinerem Durchmesser) an seiner Oberfläche eine Schwerkraft, die fast exakt jener des Mars entspricht. Die Oberfläche des Merkurs ist ziemlich eintönig: Kraterübersäte Lavaebenen, hier und da mal ein Berg, eine Klippe, und selten auch mal ein erloschener Vulkan. Die mittlere Temperatur auf der Tagseite beträgt fast 400 Grad Celsius, auf der Nachseite fällt die Temperatur auf Minus 170 Grad. Nur in den Polregionen, wo die Sonne tief am Himmel steht, sind die Temperatur-Extreme weniger gross. Auf den Böden tiefer Krater, die vom Sonnenlicht nie erreicht werden, gibt es dicke Ablagerungen von Wassereis und anderen flüchtigen Stoffen. Wenn jemals tatsächlich Menschen auf dem Merkur landen sollten, dann wohl hier.

7. Kallisto – und der Rest
Der Jupitermond Kallisto ist mit einer Oberfläche von 73 Millionen Quadratkilometern nur unwesentlich kleiner als Merkur – und immer noch fast doppelt so gross wie der Amerikanische Doppelkontinent. Wie auf Ganymed ist die Oberfläche ebenfalls relativ langweilig: ausgedehnte, eis-reiche Ebenen, mit vielen, sehr alten Kratern. Es ist möglich, dass auch Kallisto wie seine Nachbarmonde Ganymed und Europa über einen Ozean tief im Inneren verfügt – aber wenn, dann ist dieser Ozean sehr tief unten und nicht sehr ausgedehnt. Im Gegensatz zu Ganymed is Kallisto aber immerhin weit genug von Jupiters Strahlungsgürteln entfernt, dass eine menschliche Expedition hier zumindest denkbar wäre. Die NASA hat sogar schon mal über eine bemannte Mission zu Kallisto nachgedacht (die sogenannte „HOPE“ Mission), die aber erst lange nach einer bemannten Mars-Mission kommen würde. Nach Kallisto folgt dann wieder eine Region der Erde: Nord- und Südamerika (seit ein paar Millionen Jahren durch eine Landbrücke miteinander verbunden) mit 43 Millionen Quadratkilometern. Nur wenig kleiner ist dann auf Platz Neun der Jupitermond Io (42 Millionen Quadratkilometer), gefolgt vom Mond der Erde mit 38 Millionen Quadratkilometern auf dem zehnten Platz. Der Mond ist damit immer noch grösser als der zweitgrösse „klassische“ Kontinent, Afrika (rund 30 Millionen Quadratkilometer).

Einigermassen überraschend, nicht?

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