Kein Meteorit: Das verschwommene Bild eines dunklen Steines, der in Indien einen Menschen erschlagen haben soll (Quelle: twitter.com/jsamdaniel)

Meteorit erschlägt Mensch? Wohl kaum.

Im indischen Teilstaat Tamil Nadu soll ein Mensch durch einen Meteoritenfall ums Leben gekommen sein. So etwas ist grundsätzlich durchaus möglich – aber nicht in diesem Fall. Weder der „Krater“ noch der „Meteorit“ sehen echt aus.

Jedes Jahr fallen 40’000 Tonnen ausserirdischer Staub auf die Erde – und auf jede Fläche so gross wie die Schweiz fällt pro Jahr etwa 1 kg intaktes Meteoritengestein (meist in kleinen Stücken – und das meiste davon wird nie gefunden). Bereits ein Meteorit von einigen Gramm, der von der Atmosphäre auf „terminale Fallgeschwindigkeit“ abgebremst wird (ca. 400 km/h), kann die Wucht eines Hammerschlags entwickeln. Es ist also grundsätzlich durchaus denkbar, dass ein Mensch durch einen Meteoritenfall ums Leben kommt – aber nicht sehr wahrscheinlich. Die Wahrscheinlichkeit pro Jahr, dass ein Mensch direkt am Kopf getroffen wird, ist etwa so gross, die wie Querschnittfläche aller menschlichen Köpfe im Verhältnis zur Erdoberfläche (ca. 0.5 Millionstel), multipliziert mit der Häufigkeit von Meteoritenfällen mit mehr als einigen Gramm pro Jahr (ca. 20’000 weltweit, basierend etwa auf der Arbeit von Bland & Artemieva, 2006), also etwa 1% pro Jahr. Das ist aber fast sicher zu hoch gegriffen, denn die meisten menschlichen Köpfe sind nicht durchgehend unter freiem Himmel.

Bisher gibt es aber keinen historisch gut dokumentierten Fall, wo tatsächlich ein Mensch durch einen Meteoritenfall gestorben ist (was nicht heisst, dass es in historischer Zeit nicht geschehen ist). Beim Fall des Mbale Meteoriten in Uganda soll ein Junge am Kopf getroffen worden sein – allerdings sei der Meteorit vorher durch Bananenblätter gefallen und dadurch abgebremst worden, so dass der Junge unverletzt blieb. Beim Mars-Meteoriten Nakhla gibt es glaubwürdige Berichte, wonach dieser bei seinem Fall einen Hund erschlagen haben soll. Der Steinmeteorit Valera soll eine Kuh erschlagen haben. Und jetzt soll also am 6. Februar 2016 ein Mensch in Tamil Nadu (Bericht von reuters.com) von einem Meteoriten erschlagen worden sein?

Es lohnt sich, genau hin zu schauen. Zuerst einmal basiert bisher alles auf Vermutungen – es gibt keinen Stein, der bisher von Experten auf seinen ausserirdischen Ursprung hin untersucht worden wäre. Lediglich Berichte von einem sehr kleinen Krater, ein verschwommenes Bild eines mutmasslichen Meteoriten (siehe Titelbild) sowie der Bericht, dass ein Busfahrer getötet, sowie drei weitere Menschen auf dem Campus einer Universität verletzt worden seien. Es hätte eine „Explosion“ gegeben. Zunächst einmal zum Krater: Ein Bild davon findet sich hier (angeblich), wobei es sehr schwierig ist, daraus seine Grösse abzuschätzen. Er sei vier Fuss tief (also ca. 1.2 m), heisst es in Berichten, was auf einen Durchmesser von wenigen Metern schliessen lässt. So kleine Krater gibt es auf der Erde eigentlich nicht: ein Meteorit, der so klein ist, dass er einen so kleinen Krater schlagen könnte, wird von der Atmosphäre so stark gebremst, dass er zu wenig Energie hat, um einen Krater zu schlagen. Der Carancas-Krater von 2007 ist vermutlich die Untergrenze für echte Krater, und der hat 14 m Durchmesser, 4.5 m Tiefe und eine deutlich erkennbare Kraterstruktur.

Dann der vermeintliche „Meteorit“: Durch die Erhitzung in der Erdatmosphäre bilden viele Meteoriten eine braun-schwarz glänzende Kruste aus, eine sogenannte Schmelzkruste. Die Hitze, die zur Bildung dieser Kruste führt, sorgt auch dafür, dass Meteoriten praktisch alle Unebenheiten an ihrer Oberfläche verlieren – sie sehen dadurch oft ein bisschen aus wie gerundete Kiesel, wie man  z.B. auf den Bildern dieser Seite gut erkennen kann. Das unscharfe Bild des Tamil Nadu „Meteoriten“ – warum eigentlich unscharf? – zeigt dagegen einen sehr eckigen, unebenen Stein (oder ein Stück Holzkohle?). Das Bild (das vom Twitter-Account eines lokalen Journalisten kommt) sieht eher aus wie ein typischer „Meteorwrong“. Der Reuters-Artikel berichtet auch noch vom Fund eines „dunkelblauen“ Steins, der „einem Diamanten ähnlich sei“. Das passt weder zu dem Bild noch zur Beschreibung eines Meteoriten – Meteoriten sind weder dunkelblau noch „einem Diamanten ähnlich“.

Und schliesslich noch die Explosion: im Artikel wird sie mit der Explosion beim Eintritt des Tscheljabinsk-Meteors im Februar 2014 verglichen. Diese fand aber in der hohen Atmosphäre statt und hatte deshalb eine grosse Reichweite. Die Reichweite in Tamil Nadu scheint sich auf ein paar hundert Meter (den Universitäts-Campus) oder so zu beschränken, sonst würde man Berichte aus anderen Quellen hören. Die geringe Reichweite würde dann darauf hindeuten, dass die Explosion direkt am Boden stattgefunden hat. Wäre diese aber von einem Meteoriten verursacht, müsste der Krater – wie oben erwähnt – deutlich grösser sein: ein kleiner Meteorit fällt einfach zu Boden, nicht gefährlicher als ein Stein, der aus einem Flugzeug gestossen wird: da erwartet man ja auch keine „Explosion“.

Fazit: Sehr fragwürdige Geschichte. Die bisher präsentierten „Belege“ deuten nicht auf einen Meteoritenfall hin.

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